Der Tag, an dem mich ein Gemälde besiegt hat

An der weißen Wand neben meiner Staffelei gibt es einen kleinen blauen Farbfleck. Er ist zwar gerade mal so groß wie eine 2-Euro-Münze, aber für mich ist er ein bleibendes Symbol, denn er entstand in einem Moment, in dem ich mit meinem eigenen Anspruch kollidierte. Und ich verlor.

Wenn Druck die Kreativität zerstört

Blauer Farbfleck auf einer weißen Wand neben einer Staffelei. Eine sichtbare Erinnerung an emotionale Überforderung während einer kreativen Blockade und den Weg zu einer gesünderen Einstellung zur Malerei.

Der blaue Fleck an meiner Wand. Heute ein stiller Lehrer.

Es war vor etwa zweieinhalb Jahren, als ich an einem mediterran angehauchten Acrylgemälde arbeitete, mit hellen Häuserfassaden, bunten Blumen und dem Meer mit einer kleinen Insel am Horizont. Ich wollte den Himmel wolkenfrei gestalten, sodass er oben tiefblau ist und nach unten hin weich ins Helle verläuft, um die leichte Krümmung des Horizonts anzudeuten. Ein klassisches Element bei Landschaftsbildern.

Damit der Übergang möglichst fließend wirkt, habe ich mit einem Trocknungsverzögerer gearbeitet, sodass ich mehr Zeit fürs Verblenden hatte. Es war ein Wochenende, an dem ich mir extra nichts vorgenommen habe, um das Bild möglichst zügig fertigzustellen, denn die erste Ausstellung war nicht mehr lange hin.

Leider funktionierte an diesem Tag nichts. Nach zwei bis drei Stunden und mehreren Versuchen war ich so frustriert und voller Zorn, sodass ich den noch farbhaltigen Pinsel genommen und gegen die Wand geschleudert habe, begleitet von energischem und touretteartigem Fluchen. So existiert dieser Farbfleck bis heute.

Von Kontrolle zur Akzeptanz

Ich habe oft überlegt, ob ich den Fleck einfach überstreiche. Aber ich lasse ihn bewusst dort. Denn er erinnert mich an etwas, das ich im Umgang mit mir selbst noch lernen musste: dass es okay ist, wenn nicht alles sofort klappt. Dass nicht jeder Tag produktiv sein muss. Dass dieses eine Bild nicht über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Und dass Frust dazugehört, besonders in der Landschaftsmalerei, wo Kleinigkeiten, wie etwa eine schiefe Horizontlinie oder eine zu überladene Baumkrone ausreichen, um die gesamte Bildstimmung zu kippen.

Ich will ehrlich sein: Tage, an denen ich das Gefühl habe, ich kann eigentlich gar nicht gut malen, habe ich auch heute noch. Und auch verstehe ich noch nicht, wieso es manchmal Tage gibt, an denen der Pinsel nicht so will wie die eigene Hand.

Was sich aber verändert hat, ist meine Reaktion. Früher habe ich mich dann reingesteigert, es stundenlang weiterprobiert, obwohl ich längst über meinen Punkt hinaus war. Ich dachte, das Gras wächst schneller, wenn ich daran ziehe. Heute bin ich zwar frustriert an solchen Tagen, aber ich lege einfach das Material beiseite, reinige die Pinsel, atme durch und sage mir:

Heute ist nicht mein Tag. Lieber kein Ergebnis als ein schlechtes Ergebnis.

Es geht nicht um Perfektionismus

Versteht mich nicht falsch, Perfektionismus ist kein Feindbild für mich. Im Gegenteil, er treibt mich an, meine Landschaftsbilder zu verbessern, harmonischere Farbverläufe zu schaffen, mehr Tiefe zu erzeugen, mehr mit dem Licht zu spielen und vieles mehr. Aber er darf nicht die Kontrolle übernehmen. Und das zu lernen, ist ein Prozess, und zwar im Kopf, nicht mit dem Pinsel.

Denn auch berühmte Maler zeigen ihre misslungenen Werke nicht. Künstler auf YouTube zeigen nur, was sie zeigen wollen. Bob Ross malte seine Bilder nicht spontan, sondern übte sie vor der TV-Übertragung. Und auch ich stand schon vor Leinwänden, die ich voller Zorn mit einem Pinsel durchbohrt habe

So etwas ist wichtig zu wissen, damit wir unsere Vorbilder nicht auf ein Podest heben, das wir niemals erreichen können. Wir sind alle bloß Menschen. Und ich teile diese Anekdote nicht, weil ich eine große Weisheit zu verkünden habe, sondern weil ich glaube, dass gerade solche kleinen Geschichten zeigen, wie persönlich Malerei ist.

Ich möchte diesen Blogartikel gerne mit einer Lebensweisheit beenden, die mir einst ein Coach mit auf den Weg gab:

Scheitern ist Teil des Erfolgs. Lies das nochmal.

Acrylgemälde einer mediterranen Küstenlandschaft mit bunten Hausfassaden und Blumen, einem ruhigen Meer und einer Insel unter tiefblauem Himmel.

Das Gemälde (2023), das mich besiegt hat. Früher mein Gegner, heute sehe ich es als wichtigen Wendepunkt meiner künstlerischen Entwicklung.

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